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Wie beginnt man?

Meistens steht am Anfang einer Geschichte eine Idee. Manchmal nur ein einzelner Gedanke, etwas, das wie ein Bild vor dem inneren Auge auftaucht.
Im Falle dieser Geschichte war es ein Traum. Das ist für mich äußerst ungewöhnlich, denn normalerweise merke ich mir nicht, was ich träume und meistens ist es auch zu verworren. Aber im Oktober 2002, exakt vom 12. auf den 13.10., träumte ich von einer Steinwüste, durch die ein einsamer Wanderer seinen Weg suchte. Ich sah genau, wie die Wüste beschaffen war und das etwas an dieser Landschaft seltsam war. Der Wanderer lief von mit abgewandt, ich konnte weder sein Gesicht erkennen, noch genau bestimmen, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelte... Sehr mysteriös... ^-^

Beim Aufwachen wußte ich sofort, daß ich mehr über diese ominöse Landschaft herausfinden mußte. (Seither habe ich übrigens nicht mehr davon geträumt, vermutlich weil ich nun schon recht viel über diese Ödnis weiß und wie sie entstanden ist.)

Es gab noch eine andere Idee, die mir bereits seit längerem im Hinterkopf herumspukte und die, nicht ungewöhnlich bei mir, auf dem Hintergrund eines Rollenspielcharakters basierte. Dieser Charakterhintergrund war mir einfach zu schade, um nicht in eine Geschichte umgewandelt zu werden, aber eigentlich schwebte mir da eher eine Kurzgeschichte vor. Eine junge Frau, die mit einigen dunklen Geschehnissen aus der Vergangenheit ihres Vaters konfrontiert wird und die sich mit einer zwielichtigen Gesellschaft auseinandersetzen muß... Dorwen Indoraín und die Gilde der Schattenhüter erblickten das literarische Licht der Welt.

Irgendwie, keine Ahnung mehr warum, wurden diese beiden Ideen miteinander verwoben und bildeten so den Kern der neuen Geschichte.
Nach und nach formte sich um die Steinwüste, den einsamen Wanderer und die junge Frau eine ganz eigene Welt und ich mußte mir plötzlich über einiges klar werden, um einen gemeinsamen Ansatz zu finden:
1. Warum die Steinwüste existiert und was der einsame Wanderer dort will.
2. Wer ist diese Person überhaupt?
3. Welche Verbindung gibt es zwischen Dorwen Indoraín und dem Wanderer?
4. Was hat es mit der Gilde der Schattenhüter auf sich?

Die Existenz der Steinwüste beschäftigte mich ja bereits seit dem Traum und ich habe diverse Textentwürfe, die die verschiedenen Stadien wiedergeben. Auch wenn die geographische Lage mehrmals wechselte, bis sie dann schließlich in den äußersten Norden des Kontinentes positioniert wurde, wußte ich relativ schnell, daß die Ödnis das Ergebnis einer Katastrophe war, in deren Verlauf eine Stadt und ihr gesamtes Umland vernichtet wurden.

Die Gilde war dann ein Thema für sich. Der ursprüngliche Rollenspielcharakter war eine Nachtklinge bei RoleMaster und ich wollte einige der besonderen Fähigkeiten und auch die Gesinnung der Nachtklingen für die Gilde übernehmen. Leider konnte ich die Bezeichnung "Nachtklinge" aufgrund des Urheberrechtes nicht bestehen lassen, aber die "Schattengilde" erschien mir dann als adäquater Ersatz sehr treffend. Von der "Schattengilde" zu den "Schattenhütern" war es dann nur noch ein kleiner Schritt.
Der Wandel des Namens lief zeitgleich ab mit eine Veränderung der Gilde selbst. Von den politischen Attentätern wurden sie zu Magiern und damit zu den Hütern des Nhiriall, des Siegels zu Schattenwelt. Die nächste Veränderung ergab sich, als ich mir über die Zeitspanne klar wurde, die von der Schaffung des Siegels bis zu dem Zeitpunkt, an dem die eigentliche Geschichte spielt verstreicht.
Im Jahr 513 des Reiches von Dherrin wurde das Siegel geschaffen und im Jahr 1345 beginnt nun die Handlung des ersten Buches. Das sind über 800 Jahre, eine Zeit, in der die Gilde selbstverständlich Veränderungen unterliegen mußte. Eine Tendenz zur Skrupelosigkeit und politischem Kalkül haftete der Gilde bereits in den ersten zwei Jahrhunderten ihres Bestehens an, aber mittlerweile ist sie eine "Graue Eminenz" geworden, die einen nicht unerheblichen Einfluß auf die Herrscher im Gebiet des alten Reiches von Dherrin hat.
Diesen Einluß zu erhalten und möglichst noch auszubauen ist die oberste Priorität des Ratsoberhauptes der Gildengroßmeister. Meister Irwaín hat darüber die eigentliche Aufgabe der Gilde, die Wacht am Siegel also, mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt. Auch wenn die anderen Meister und Großmeister selbstverständlich wissen, was für eine Gefahr im hohen Norden schlummert, ist es für sie doch bequemer, sich nach Meister Irwaín zu richten und die Zerstörung Dhim'herells durch die Elemente als "Kaminfeuergeschichten" ab zu tun.

Der Wanderer hat, für mich zumindest, bereits ein Gesicht bekommen. Für den Leser wird dieses Geheimnis erst zu einem späteren Zeitpunkt gelüftet, es soll hier ja nicht jede Wendung der Geschichte verraten werden. Wer der Wanderer ist, hat direkte Auswirkungen auf die Hauptcharaktere, vor allem in welchem Verhältnis er zu Dorwen steht, mußte geklärt werden, bevor ich mit der Plotausarbeitung weiter machen konnte.

Es hat einen Zeitraum von ca. 3 Jahren gebraucht, bis ich die Entwicklung der Gilde auf den Stand gebracht hatte, auf dem sie sich jetzt befindet. Auch dies zeigt wieder, daß Schreiben ein natürlicher Prozeß ist, der mannigfaltigen Veränderungen unterworfen ist. Ebenso wie die Gilde, haben sich der Plot, die Charaktere und die Welt verändert und manchmal ergeben sich Neuerungen, die nicht unbedingt geplant sind.
Plötzlich hatte ich eine Geheimgesellschaft erdacht, die sich "Hand von Dherrin" nennt und die eine Restauration des alten Reiches anstrebt. Zu diesem Zwecke versucht sie die Kleinkönige und das Südland in einen Krieg zu stürzen, was ich aber, hoffentlich erfolgreich, abwenden konnte. Zum einen hält sich meine Begeisterung über die Schilderung von Schlachten, taktischen Winkelzügen und Nachschubproblemen hinter den Frontlinien in Grenzen, zum anderen paßt mir ein Krieg absolut nicht in den Plot. So steht der Krieg zwar vor der Tür, wird aber unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen - "Sorry, no war needed..." Zu schön, um in unserer eigenen Welt auch so einfach gelöst zu werden.

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Kommentare

Das ist eine gute Idee, direkt mit dem Entstehen der Geschichte anzufangen - ich hab das bei mir auch überlegt, aber meine Seite ist ja schon länger online, und ich beschränke mich jetzt erst mal darauf, die aktuellen Entwicklungen mitzustenographieren...

Seit 2002 schon? Das ist länger, als ich im Kopf hatte - ich hätte da eher auf 2004 getippt. Ach, wir werden alt... Und in der Nacht von deinem Geburtstag - wenn das nicht bemerkenswert ist. Kein Wunder, daß du dir das Datum dann so gut merken konntest!

Ich halte gerade diese Steinwüstenszene immer noch für eine der eindringlichsten und besten Anfangssequenzen, die ich kenne. Weiter so!

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